Nach ein paar Handyanrufen bei Freunden (die nach ihrem Wohlbefinden fragten) und mithilfe eines Telefonbuches hatten die Hausadresse, Festnetz- und Handynummer von Jessa. Allerdings ging niemand ans Telefon als Susan bei ihr anrief, um nachzufragen ob sie Lust auf eine kleine Stadttour hätte. Ebenso ging Jessa nicht an ihr Handy.
Nun fuhren die drei in Victors Auto zu ihr, um sie direkt vor der Haustür zu fragen. Vielleicht nicht die eleganteste Variante, aber Susan wollte unbedingt mit Jessa in die Stadt. Sie mussten einmal quer durch Maple Valley und die äußeren Gebiete fahren um zu dem Haus der Ansells zu kommen. Während der Fahrt fragten Susan und Nain Victor weiter über das SBL aus.
Sie fuhren gerade aus der Stadt heraus, als Nain eine frage durch den Kopf schoss.
„Victor, wie sollen wir uns eigentlich morgen anziehen, wenn wir zum SBL fahren?“
„Naja, im Anzug brauchst du nicht kommen.“
„Nein wirklich?“ Nain rollte mit den Augen. „Mal im Ernst. Ich bin gestern auch nur ’nackt’ gewesen, weil genug Federn an mir dran waren die meine edelsten Teile bedeckt haben und es mit Hose zu unbequem gewesen wäre!“
„Ach so, und jetzt willst du wissen wie die ganzen Leute im SBL darauf regieren würden? Um ehrlich zu sein: Den meisten ist es eigentlich egal. Aber aus Gewohnheit zieht man trotzdem etwas an. Ich empfehle dir, einfach deine Bermudashorts anzuziehen. Vorher schneidest du aber dieses nervige Netz heraus, dann schiebst du die Hose bis hinauf zu deinem Bürzelansatz hoch, streichst ein paar Federn glatt, und schon hast du eine Hose an, die nicht an deinen Federn zerrt, sie umknickst und genug Luft durchlässt damit dir nicht zu heiß wird.
Obenrum brauchst du wirklich nichts tragen, was ja auch mit deinen Flügeln zu aufwendig wäre. Die Meisten, zumindest Nicht-Menschen, laufen in diesem Beach-Party-Look herum. Da kommt eine richtig angenehme und chillige Atmosphäre auf.“
Durch den Rückspiegel sah er zu Susan, die auf dem Hintersitz saß und zuhörte.
„Dir würde ich empfehlen ebenfalls im Badezeug zu kommen. Bikinihöschen bis zum Bürzelansatz hochziehen, Federn glattstreichen. Und wenn du willst kannst du auch noch einen BH anziehen, allerdings wird das dann mit den Trägern und den Flügeln ein wenig kompliziert...“
Einige Minuten und Fragen später waren sie endlich vor der Einfahrt zu dem Haus von Jessa’s Eltern angekommen. Nain musste Susan wecken, die ihren Kopf an das hintere Seitenfenster gelehnt hatte, und mit der Erinnerung an dieses unglaubliche Gefühl während ihres kurzen Fluges eingeschlafen war.
Vor ihnen stand ein kleines zwei stöckiges Landhaus, dessen leist mit Efeu bewachsene Wände weiß gestrichen waren und das eine ausgiebige, überdachte Holzveranda hatte. Auf der standen um einen Tisch herum bequem aussehende Gartenstühle und ein einladender breiter Schaukelstuhl.Der große Gasgrill am anderen Rand der Veranda schrie regelrecht danach, das herrliche Wetter auszunutzen und zu grillen.
Eine niedrige Hecke umgab Holzveranda (mal abgesehen von einer Lücke, die als Durchgang gedacht war) und von der Decke hingen Blumenampeln, deren pflanzlicher Inhalt in lebensfrohen Farben blühte.
Ein paar der Holzdielen knarzten leise unter ihren Schritten, als Susan zu der stabil aussehenden Haustür ging. Nain und Victor waren beim Auto geblieben und unterhielten sich weiter, „Wir müssen nicht gleich zu dritt vor der Tür herumlungern wie Räuber.“, hatte Victor gemeint.
Susan blieb vor der weinroten Tür stehen und brauchte eine Weile bis sie die Türklingel fand. Die Blätter des Efeus hatten die Klingen sowie auch das Namenschildchen, auf dem in geschwungen Lettern „Ansell“ stand, bedeckt. Nachdem sie geklingelt hatte und das typische „Ding, Dong!“ ertönte, betrachtete sie fasziniert die blühenden Blumenampeln um sich. Doch im Haus rührte sich nichts, so dass Susan noch einmal klingelte, allerdings mit dem gleichem Erfolg. Mehr aus Enttäuschung drückte sie die Klinke der Haustür nach unten, und war umso überraschter als die Tür mit einem „Schnapp!“ einfach aufging.
Unschlüssig stand Susan im Türrahmen und sah den langen Flur entlang. Der Boden war mit terrakota-farben gefliest, etwas weiter hinten standen eine Kommode mit Spiegel, ein Schrank und ein Schuhregal. Die linke Holzwand war regelrecht überladen von Fotos, die alles mögliche zeigten, hauptsächlich aber Familienfotos waren. Zumindest schätzt sie die Fotos als Familienfotos. Unterbrochen wurde die Bilderflut von einem Board, auf dem alte irgendwie kitschig aussehende Vasen standen. Rechts neben dem Eingang führte eine Treppe ins obere Stockwerk, und weiter hinten konnte Susan drei weitere Türen sehen.
„Hallo? Jessa, bist du da? Ich bin’s, Susan, du weist schon, die gestern neben dir in Micheal Cleyton war.“
Keine Antwort.
„Ich... ich hab dich übers Telefon nicht erreichen können, da... da dacht ich mir ich frag dich gleich hier ob du auf eine kleine Stadttour Lust hättest...“
Wieder keine Antwort. Susan wollte sich schon enttäuscht wegdrehen und die Tür wieder zu machen, als sie plötzlich aus dem Stockwerk über ihr ein leises schluchzen hörte.
Sie hielt kurz inne und lauschte.
Da war es wieder, ganz leise. Jemand weinte da oben!
Susan’s Neugier flammte wieder in ihr auf. War es Jessa die da schluchzte? Oder ihr kleiner Bruder?
Sollte sie nicht nachschauen, wer da oben so traurig war, und warum? Vielleicht könnte sie helfen!
Deine verdammte Neugier hat dir dieses ganzen Verwandlungsmüll eingebrockt!, schallte es durch Susans Kopf. Das ist nicht dein Haus, du bist fremd hier, man spaziert nicht einfach so uneingeladen in das Haus anderer Leute herein!
Aber ich spaziere nicht, ich schaue gezielt nach...
Susan haderte mit sich. Es stimmte schon, ihre Neugier hatte ihr verdammt großen Ärger eingebracht und sie war gerade dabei, wieder ihrer Schwäche zu erliegen...
Aber was sollte schon passieren wenn sie in das obere Stockwerk ging?
Wieder erklang dieses schluchzen...